Als der Krebs eine Schildkröte war

Die Schildkröte wurde im Alten Ägypten und in Babylon mit dem Tierkreiszeichen Krebs assoziiert. Bei näherer Betrachtung ist leicht zu erkennen, warum. Wie die Krabbe lebt die Schildkröte in ihrem eigenen „mobilen Zuhause“, während sie die Küstenlinie entlangwandert – den Mittelweg an der sich ständig verändernden Grenze zwischen Wasser und Erde.

Der Mensch mit einem stark ausgeprägten Krebs navigiert die sich ständig wandelnden Schwellenräume dieser Welt zwischen Land und Wasser. Das Ufer ist eine Metapher, und der Krebs umfasst eine tiefe Intuition und ein feines Gespür dafür, wann es ratsam ist, sich vom sprichwörtlichen Wasser fernzuhalten, wenn die Gezeiten zu hoch stehen. Dies knüpft an die Verbindung des Krebses mit dem Mond an, seinem Herrscherplaneten, sowie an den Einfluss des Mondes auf das Kommen und Gehen der Gezeiten.

Der Krebs ist im mittelalterlichen “Thema Mundi” das Zeichen der Geburt des Universums und steht für Mutterschaft und den Mutterleib. In vielen Traditionen wird die Welt selbst als Schildkröte dargestellt. Eine Person mit einer stark ausgeprägten Krebs-Energie im Geburtshoroskop bewegt sich – wie die Schildkröte – durch Übergangsräume, durch jene ständig wechselnden Schwellenbereiche zwischen Land und Wasser, zwischen Innen und Außen, zwischen Schutz und Offenheit.

In der Folklore der Lenape-Indianer beschreibt eine Schöpfungsgeschichte von der Großen Schildkröte eine gewaltige Flut, die jene überlebten, die sich auf alten Schildkrötenpanzern über Wasser halten konnten. In diesem Mythos wurde alles Leben auf der Erde von einer bescheidenen Bisamratte gerettet, die geistesgegenwärtig genug war, Erde auf den Schildkrötenpanzer zu schaufeln – aus der die ganze Welt neu wuchs.

In vielen Traditionen der nordamerikanischen Ureinwohner steht der Rücken der Schildkröte für den Mondkalender, wobei die dreizehn Segmente ihres Panzers die dreizehn Monde repräsentieren. Viele Stämme lehren dies, darunter die Oneida Nation und die Ojibwe. Dies ist vielleicht die stärkste kollektiv-unbewusste Verbindung zwischen der Schildkröte und dem vom Mond regierten Zeichen Krebs.

Trotz der Unterschiede in Zeit und Raum empfinden viele Kulturen auf der ganzen Welt ähnliche Verbindungen zwischen der Schildkröte und dem Mond. In The Rulership Book von Rex Bills – einem Nachschlagewerk für Astrologinnen und Astrologen – werden Schildkröten als Mondwesen aufgeführt.

In vielen Regionen Asiens sowie in einigen indigenen Kulturen Amerikas hat die Schildkröte eine kosmische Bedeutung. Sie wird die Welt- oder die Kosmische Schildkröte genannt. Es handelt sich um ein Mythus, in dem eine riesige Schildkröte (oder Landschildkröte) die gesamte Welt trägt oder in sich enthält.

In China und Tibet repräsentiert die Schildkröte das Universum. Ihre gewölbte Oberseite steht für den Himmel und die quadratische Unterseite symbolisiert die Erde. Die Innenseite der Panzerkuppel zeigt die astrologischen Elemente. In der vedischen Mythologie ist die Weltschildkröte als Akūpāra bekannt.

Der Krebs und der Mond sind seit Langem mit Phrophezeiungen verbunden. Auch hier fügt sich die Schildkröte thematisch ein. Während der Zhou-Dynastie im Alten China existierte eine langjährige Tradition der Schildkrötenpanzer-Weissagung. Eine Methode bestand darin, ein glühend heißes Brandzeichen auf einen Schildkrötenpanzer aufzubringen, sodass dieser riss. Orakel deuteten anschließend die Muster der entstandenen Risse.

Im Alten Babylon symbolisierten Schildkröten die Jahreszeit des Winters und standen möglicherweise für einen Rückzug ins eigene Zuhause, um Wärme und Geborgenheit zu finden. Im Alten Ägypten wurde das Sternbild Krebs die „Sterne des Wassers“ genannt und durch zwei Schildkröten symbolisiert